Die Ursprünge des Naturjodels gehen mit Sicherheit in eine sehr frühe Zeit zurück. Dieses textlose Singen mit fortwährendem Registerwechsel vom Brust- zu Kopfton aber nicht nur in unserem Alpenraum heimisch. Fritz Gysi kommt in einer Arbeit über den Jodel zum Schluss, das immer reichhaltiger zutage geförderte Musikgut bestärke die Auffassung von einer universellen Verbreitung des Jodelns über die ganze Welt.

Diese erstaunliche Tatsache erhält ihre natürliche Erklärung in folgender Beobachtung: Grundlage der Melodik des Naturjodels, besonders in seiner urtümlichen archaischen Form, ist die Naturtonreihe:
 
 
Diese lässt sich mit Blas- und Saiteninstrumenten veranschaulichen: Sie ergibt beim Überblasen und bei der Unterteilung einer Saite in entsprechenden Proportionen. Die auf diese Weise entstandenen Töne finden wir genau auf dem Alphorn wieder. Interessant ist folgende Tatsache: Innerhalb der ersten zwölf Teiltöne gehören - mit Ausnahme der beiden Töne 7 und 11 - sämtliche anderen der Dur-Skala an. Das Dur-Geschlecht ist also in der Naturtonreihe fest verankert.

Das Studium der Naturtonreihe gibt uns aber auch die Erklärung für ein weiteres Phänomen, an dem schon oft - auch von der Wissenschaft - herumgerätselt worden ist:
Das Geheimnis des Naturton-Fa („Alphorn-Fa“)
Es ist jener eigenartige elfte Teilton der Obertonreihe, der - in der C-Dur - weder als f noch als fis erklingt, sondern irgendwo dazwischenliegt. Solche Jodel mit dem Naturton-Fa gehören zu den urtümlichsten und spontansten Melodien der gesamten Jodelliteratur.

Auf den Zuhörer üben sie einen ganz eigenen Reiz aus. Wohl gibt es Eidgenossen die mit diesen unreinen Tönen nichts mehr anzufangen wissen. Sie sind von der „wohltemperierten“ Stimmung, die seit dem 18. Jahrhundert fast das ganze Musikleben beherrscht, schon derart „verbildet“, dass ihnen das Gespür für die natürliche Stimmung, jene der Obertonreihe, abhanden gekommen ist.

Gerade das Natur-Fa ist aber ein charakteristisches Merkmal des ursprünglichen Jodelgesangs. Neben diesem Natur-Fa finden sich im Naturjodel noch andere Stilelemente aus archaischer Zeit. Hervorstechend ist die eigenwillige rhythmische Gestaltung dieser archaischen Melodien.

Dies fällt uns besonders in seiner urtümlichsten Form,
dem Muotataler
auf. Hier scheint der Rhythmus einer tieferen Schicht des Seelenlebens zu entspringen.

In der folgenden Muotataler Melodie (dem Verfasser vom Muotataler Jodler Toni Büeler mitgeteilt) wird ersichtlich, wie wenig sich der Natursänger einengen lässt. Die geschriebenen Notenwerte entsprechen nur annähernd dem vom Sänger empfundenen Rhythmus.
 
 
„Es dürfte schwer, wenn nicht unmöglich sein, die Fülle der irrationalen Züge dieser Rhythmik und Vortragsart grafisch festzuhalten“.
 

 
 

 
  Der absolute Gegensatz zu dieser Art Musik, das "Schnadahüpfl", hat in seiner primitivsten Form mit ihrem einförmig-rationalistischen Rhythmus - und als Folge davon mit der ebenso einförmigen Melodik, die sich erschöpft in gleichmässigem Aneinanderreihen des Tonika- und des Dominantdreiklangs - mit authentischer Volksmusik wirklich nichts mehr zu tun.

Losgelöst von jeder seelischen Empfindung regiert hier nur mehr die Mechanik, die Automatik. Dessen ungeachtet hat der ungeheure Siegeszug des Schnadahüpfls durch fast ganz Europa im 19. Jahrhundert weitgehend die Volksmusik und im beson­deren auch den Jodelgesang beeinflusst.

 
 
Heinrich J. Leuthold